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01.03.2011

„Das wichtigste Thema für Investoren ist die Haftungssicherung“

Unter „Compliance“ versteht man die Einhaltung aller gesetzlich vorgeschriebenen sowie freiwillig auferlegten Regelungen in einem Unternehmen. Wie durch die Einführung von Compliance-Richtlinien auch Kostenvorteile erzielt werden können und welche Vorteile sich für Private Equity-Unternehmen durch die Einführung eines gezielten Compliance Managements ergeben, erklärt Sabrina Keese, Partnerin bei Kerkhoff Consulting, im Gespräch mit Mathias Renz vom VentureCapital Magazin.

VC Magazin: Welche Compliance-Verfehlungen beobachten Sie im täglichen Einkaufsprozess derzeit am häufigsten?

Keese: Die Bandbreite ist groß und reicht von Prozessfehlern bis Korruption. In vielen Unternehmen fehlen beispielsweise Unterschriftsrichtlinien. In anderen gibt es keine oder qualitativ katastrophale Lieferantenverträge. Was wir ebenfalls oft beobachten, ist der sogenannte „Einkauf am Einkauf vorbei“, wenn sich z.B. der Personalchef mal schnell ein Laptop oder Büromaterial in einem Mediamarkt oder anderen Fachmärkten kauft. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Vertriebsverträge fast überall besser sind als die Einkaufsverträge.

VC Magazin: Ihr Haus ist seit Jahren auf den Bereich Einkaufs- und Beschaffungsberatung spezialisiert. Welche Einsparpotenziale bietet ein funktionierendes Compliance Management?

Keese:
Wenn wir über die Optimierung des Einkaufs und Einsparungen sprechen, so reden wir meist über hohe mehrstellige Millionenbeträge. Wenn wir über Compliance Management sprechen, so reden wir über die transparente Abwicklung von Prozessen. Der Absicherungsgedanke steht bei dieser Dienstleistung an erster Stelle und steht klar über dem Einsparpotenzial.

VC Magazin: Welche Folgen können Compliance-Verfehlungen konkret nach sich ziehen?

Keese: Bis 1996 waren Ausgaben für Korruption im Ausland noch als nützliche Aufwendungen steuerlich absetzbar. Heute ist Korruption selbstverständlich unter Strafe gestellt. Auch der Aufsichtsrat ist beispielsweise aufgrund seiner Sorgfaltspflicht gegenüber den Eigentümerinteressen verpflichtet, gegen den Vorstand bei groben Verfehlungen wie Korruption oder kartellrechtlichen Verstößen vorzugehen. Bei Kartellrechtsverstößen drohen existenzbedrohliche Bußgeldzahlungen von bis zu 10% des Konzernumsatzes. Zudem kommt das Unternehmen, welches als erstes bei den Brüsseler Wettbewerbsbehörden vorstellig wird und genügend Beweise vorlegen kann, gänzlich ohne Bußgeld davon.

VC Magazin: Welche Bedeutung kann das Thema Compliance im Einkauf für Beteiligungsgesellschaften haben?

Keese: Das wichtigste Thema für Investoren ist die Haftungssicherung. Stellen Sie sich vor, ein Investor hätte in ein vom Dioxin-Skandal betroffenes Unternehmen investiert. Solche Risiken gilt es bereits beim Due Diligence-Prozess zu identifizieren und zu eliminieren. Unsere Aufgabe besteht in erster Linie darin, Prozesse und Verträge zu prüfen und zu optimieren. Ein funktionierendes Compliance Management kann der Private Equity-Gesellschaft und den handelnden Personen in deren Portfoliounternehmen viel Risiko von den Schultern nehmen und nebenbei Prozesse effizienter gestalten, was damit einhergehend zu Kosteneinsparungen führt. Viele Großunternehmen meiden heute bereits Lieferanten, die sich keine Compliance Richtlinien auferlegen, bzw. streichen sie aus ihrem Lieferantenkreis. Das kann für kleine und mittelgroße Unternehmen existenzielle Folgen haben.

VC Magazin: Inwiefern haben Private Equity-Firmen überhaupt die Möglichkeit, Compliance-Vorgaben in Portfoliounternehmen durchzusetzen?

Keese: Das ist eine Frage der Anteilsverhältnisse und des Einflusses. Bei Mehrheitsverhältnissen sollte das nicht schwerfallen. Im Falle von Minderheitsbeteiligungen gilt es, die Vorzüge eines fundierten Compliance Managements aufzuzeigen. Ein zertifiziertes Unternehmen genießt eine höhere Reputation und erzielt damit Vorteile in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Letztlich sehe ich nur Vorteile.

VCMagazin: Wie groß ist die Nachfrage von Venture Capital bzw. Private Equity-Investoren nach Ihrer Dienstleistung?

Keese: Aktuell sehr hoch. Jeder Skandal – wie der schon genannte Dioxin-Skandal – erhöht die Sensibilität für Compliance Management. Außerdem ist der Gesetzgeber hier aktuell besonders aktiv. Für die Wichtigkeit des Themas spricht auch, dass das Institut der deutschen Wirtschaftsprüfer einen Entwurf zur Überprüfung von Compliance-Standards in Unternehmen vorgelegt hat.

VCMagazin: Wie viel Zeit veranschlagen Sie, bis Compliance-Vorgaben auch tatsächlich gelebt werden? Welche Kosten entstehen für ein Unternehmen?

Keese: Die Frage ist: Wie finden wir das Unternehmen vor? Sofern gewisse Strukturen vorherrschen, würde ich ein halbes Jahr veranschlagen. Viel hängt auch davon ab, welche Unternehmenskultur wir in einem Unternehmen vorfinden und wie lange das „falsche“ Verhalten bereits gelebt wird. Eine pauschale Kostenabschätzung ist deshalb nicht möglich. Grundsätzlich werden wir nach Tagessätzen vergütet und nehmen vorab eine Aufwandsabschätzung vor. Wir verpflichten uns, Ziele zu erreichen, andernfalls bessern wir nach.

VCMagazin: Vielen Dank für das Interview.

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