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01.10.2011

Die Unberechenbaren

In der Massenproduktion unschlagbar — aber steht China bereits an der Schwelle zur Instabilität?

Von Claudius Semmann

Entwickeln in einem Land, konstruieren in einem anderen, produzieren in einem dritten und dann weltweit verkaufen: Das sei heute notwendig, um Geld zu verdienen, betont Rudolf Weiler, Geschäftsführer des Signalgeberherstellers Digisound. Gleichzeitig warnt der China- und Indien-Kenner allerdings vor den Tücken einer globalen Produktion - und dem Wohlstandsgefälle in China.

Weiler ist überzeugt, dass China in den kommenden Jahren eine schwere Zeit erleben und möglicherweise in zwei wirtschaftliche Teile zerfüllen wird. Die Dollarzeichen in den Augen der Chinesen seien unübersehbar. Er konstatiert einen Konkurrenzkampf zwischen Nachbarn, Kommunen, Städten und Provinzen, „Jeder will den anderen übertrumpfen.“ Der Digisound-Geschäftsführer erwartet, dass sich in China ein Gesellschaftskonflikt zwischen den reichen Küstenregionen und den innerchinesischen Provinzen entwickeln wird. „Dort gibt es riesige Städte, die zum Teil sehr stark verarmt sind“, weiß, Weiler, der vergangene Woche bei der 8. HanseLog der Bundesvereinigung Logistik (BVL) in Hamburg zu Gast war.

Zuverlässige Produktion. Digisound stellt elektroakustische und optische Signalgeber wie Lautsprecher, Summer, Rückfahrwarner, Hupen oder Hörner her. Der Mittelständler beliefert unter anderem die Fahrzeug-, Medizintechnik- sowie Telekommunikationsindustrie. Das Unternehmen aus Norderstedt bei Hamburg ist schon seit Jahren mit Werken in Indien und China präsent. Die Stärke Chinas: „Eine sehr zuverlässige Massenproduktion zu extrem günstigen Preisen“, bringt es der Digisound-Geschäftsführer auf den Punkt. Es gebe kein Land, in dem Massenprodukte so präzise und billig gefertigt werden. Wei1er: „Wir haben eine Fehlerrate von fünft parts per million, also auf Mio. Teile kommen fünf defekte.“

Eine Massenproduktion zu vernünftigen Preisen sei in Indien dagegen kaum möglich. Ein Summer aus einem Wecker kostet Digisound in China 0,04 USD, in Indien sind es 0,11 USD. Und dies liege mir an der schlechten Effizienz, sagt Weiler. Allerdings: In China hat der Mittelständler auch schon negative Erfahrungen gemacht Die Zusammenarbeit in Joint Ventures sei meist schwierig. Ein Grund: Die Chinesen gelten nach wie vor als Kopierweltmeister. Dass China so sehr mit Informationen und Wissen gefüttert wird, könnte Weilers Ansicht nach langfristig ein Problem werden. Die deutschen Unternehmen sollten sich besser vor unkontrolliertem Wissenstransfer hüten. „Hier sind die Firmen oft sehr leichtsinnig“, beobachtet der Experte.

Weiler spricht aus Erfahrung. Er habe es schon erlebt, dass in 3km Luftlinie exakt die gleiche Fabrik auf gebaut wurde. Daraufhin wollte das Unternehmen das Joint Venrure aufkündigen. Allerdings ist es schwierig, aus einmal eingegangenen Kooperationen wieder herauszukommen. Digisound zog daher einen Großteil der Produktion von dem Standort einfach ab. Einkaufs- und Mittelstandsexperte Gerd Kerkhoff von der gleichnamigen Beratungsfirma sagt zu der Problematik: „Die Frage ist: Inwieweit überlässt man den Chinesen überhaupt eine komplexere Entwicklung? Denn sie versuchten permanent, Wissen abzuzapfen. „Nicht umsonst sind Hackerangriffe aus China zurzeit das größte Problem der Wirtschaftskriminalisten«, berichtet Kerkhoff im Gespräch mit der DVZ.

Politische Risiken. Die Bedeutung von Ländern wie Brasilien, Indien und allen voran China nimmt für die Industriestaaten immer weiter zu. „Das Wachstum verschiebt sich weiter in Richtung der Schwellenländer. Sie sind unsere Zukunft“, betonte Carsten Klude, Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank M.M. Warburg bei der HanseLog. Die sieben führenden Industrieländer haben momentan noch einen Anteil an der Weltwirtschaft von zirka 50 Prozent, die Bric-Staaten von rund 20 Prozent Noch vor zehn Jahren lagen Brasilien, Russland, Indien und China bei 8 Prozent.

Die politischen Risiken, die Bürokratie sowie die Korruption in den Schwellenländern blieben allerdings hoch, warnt Bric-Expertin Maria Laura Lanzeni von der Deutschen Bank. Mittelfristig sind die Bric-Staaten ihrer Binschätzung nach politisch „nicht unbedingt stabil“. Das sieht Kerkhoff ähnlich: „Die Gefahr, die bei China immer im Raum steht: Die Politik ist unberechenbar.“ 

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