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03.04.2012

Ein Masterplan für Griechenland

Mit dem Schuldenschnitt ist Griechenland noch nicht gerettet. Die Sanierung wird lang und schmerzhaft sein: Wie Unternehmensberater und Schulden-Experten den Fall Griechenland lösen wollen, schildert manager magazin online in fünf Beispielen.

 
 

Von Sarah Sommer

Hamburg - Der Rettungsschirm ist aufgespannt: Die EU-Finanzminister und das Parlament in Athen haben das 130-Milliarden-Euro-Hilfspaket der Europäischen Union gebilligt. Gleichzeitig entlastet ein drastischer Schuldenschnitt das griechische Budget um mehr als 94 Milliarden Euro.

Die Probleme Griechenlands sind damit allerdings längst nicht gelöst: Jetzt muss ein Masterplan her, der das südeuropäische Land wieder wettbewerbsfähig macht. Der Wahlkampf, der in den nächsten Wochen beginnen wird, wird deshalb auch eine Abstimmung über das zukünftige griechische Geschäftsmodell sein. Bleibt alles beim Alten oder verordnet sich Griechenland ein ganz neues Konzept? Und: Wie könnte ein zukunftsfähiges neues Wirtschaftsmodell aussehen?

Wäre Griechenland ein insolventer Konzern, würden Insolvenzverwalter und Unternehmensberater dem Management ihre Dienste anbieten - oder den Führungskräften gleich das Ruder aus der Hand nehmen. Auch zum Sanierungsfall Griechenland mangelt es den Consultants und Krisenmanagern nicht an guten Ratschlägen. Schließlich seien viele Probleme der Griechen den Problemen eines Unternehmens in wirtschaftlicher Schieflage gar nicht so unähnlich, erklären sie.

Der Einkaufsberater: Auf Zwegerts Spuren

Gerd Kerkhoff, Geschäftsführer der auf Beschaffungsmanagement spezialisierten Beratungsgesellschaft Kerkhoff Consulting, würde - natürlich - zunächst mal Griechenlands Einkaufsstrukturen optimieren. Rund sechs Milliarden Euro könnte Griechenland einsparen, wenn es sein Beschaffungsmanagement professionalisieren und durch Privatisierung und Outsourcing die Kosten senken würde, erklärt er.

"Wie jedes Unternehmen in einer Krisensituation muss auch Griechenland Kosten einsparen. Der Einkauf wäre ein wichtiger Hebel, um das Budget zu entlasten - ohne den Griechen weitere Kürzungen zuzumuten", sagt Kerkhoff. Das Wichtigste sei, die Korruption aus dem System herauszubekommen. Deshalb plädiert Kerkhoff für eine zentrale Beschaffungsbehörde, die dafür sorgt, dass Aufträge des Staates künftig transparent und nach klaren Kriterien vergeben werden.

Die bisherige Praxis in Griechenland, bei der eine ordnungsgemäße Ausschreibung oft umgangen werde, öffne der Korruption Tür und Tor, mahnt er. "Wir brauchen eine vernünftige Steuerung statt Schmiergelder." Kerkhoff sagt oft "wir", wenn er von der Griechenrettung spricht. Denn: "Was der griechische Staat ausgibt, also das Beschaffungsvolumen von rund 25 Milliarden Euro, hat er von uns, von der EU, erhalten", sagt er.

"Es geht deshalb darum, die Verschwendung von Rettungsschirm-Geldern zu vermeiden." Kerkhoff sieht es als Bürgerpflicht an, sich mit den griechischen Problemen auseinanderzusetzen und nach Lösungen zu suchen. Seinen Beitrag zur Griechen Rettung hat er in einer PowerPoint-Präsentation zusammengefasst.

Das zentrale Beschaffungsamt, das Kerkhoff im Sinn hat, sähe er gerne mit Vertretern der EU besetzt - oder zumindest von einem EU-Kontrollgremium überwacht. "Ohne externe Beiräte oder Kontrollgremien wird die Korruption nur schwer ausgemerzt werden können", sagt der Berater. "Schon jetzt ist es ja oft so, dass Versprechen der griechischen Regierung nicht umgesetzt werden."

Es sei zum Wohle der Griechen, Hilfe von außen dazu zu holen. "Das Prinzip kennt man vom RTL-Schuldenberater. Manchmal braucht es einfach den Blick von außen, um Lösungen aufzuzeigen und auch umzusetzen." Hauptsache, die Beschaffung laufe nicht mehr willkürlich, egoistisch, korruptiv motiviert - sondern transparent und mit klaren Regelungen. "Wenn diese Regeln vorsehen, dass etwa griechische Unternehmen oder Unternehmen mit einer Produktionsstätte in Griechenland bevorzugt würden, hätte ich damit kein Problem", betont Kerkhoff.

Strategieberatungen wie Roland Berger und McKinsey haben sich ebenfalls die Griechenland-Rettung auf die Fahnen geschrieben. Roland Berger Strategy Consultants schlägt in seinem "Masterplan für Griechenland" zunächst einmal vor, das griechische Staatsvermögen in einer zentralen Holding zu bündeln.

Häfen, Flughäfen, Autobahnen und Immobilien im Gesamtwert von rund 125 Milliarden Euro könnten in die Holding einfließen, rechnen die Berater vor. Anschließend solle diese Holding an eine europäische Institution verkauft werden.

Mit dem Erlös, so das Kalkül, könnte Griechenland seine Verbindlichkeiten bei den Ländern der Eurogruppe ablösen. Das griechische Finanzministerium äußerte sich zu diesem Plan nicht - wird aber nun tatsächlich von der EU dazu gezwungen, das Tafelsilber zu verkaufen: Staatseigentum im Wert von 50 Milliarden Euro soll verkauft werden, um die Staatsschulden zu tilgen. Darunter sind Grundstücke, staatliche Unternehmen und Infrastruktur-Objekte wie Häfen, Flughäfen, Bergwerke und Autobahnen.

Auch die Unternehmensberatung McKinsey hat einen Plan für Griechenland: Ein besseres Management müsse her, erklärte der Griechenland-Chef von McKinsey in seiner 500-Seiten-Studie "Griechenland in 10 Jahren". Tourismus, Nahrungsmittelindustrie, Landwirtschaft und Einzelhandel, pharmazeutische Generika, Aquakulturen, Medizintourismus und Logistik sollen künftig für Wachstum sorgen, schlägt McKinsey vor.

Experte für Sanierungsfälle ist der Insolvenzverwalter Dirk Andres von der Rechtsanwaltskanzlei Andres & Schneider. Im Grunde bräuchte wohl auch Griechenland eine Art Insolvenzverwalter, sagt er. Schließlich sei die Situation der Griechen durchaus mit der eines insolventen Unternehmens vergleichbar. "Allerdings ist das keine realistische Option", betont er. "Natürlich kann man einer Demokratie keinen Insolvenzverwalter verordnen - denn die Befugnisse eines Insolvenzverwalters im Unternehmen entsprächen in der Politik ein Stück weit denen eines Diktators."

Schon an der Diskussion um einen Schuldenkommissar für Griechenland habe man gesehen, dass für einen Sanierer mit weitreichenden Kompetenzen keine Akzeptanz da wäre. Ebenso wie ein insolventes Unternehmen bräuchten aber auch die Griechen einen klaren Sanierungsplan. "Von außen betrachtet scheint es, als ob bisher einfach nur immer mehr Geld in das Land gepumpt wird. Ein echter Sanierungsplan ist in der Debatte nicht erkennbar, es geht immer nur um kurzfristige Notlösungen, um erst einmal irgendwie zu überleben." Als Insolvenzverwalter gehe er Sanierungsfälle anders an. "Ich stelle immer zunächst die Frage: Ist das Unternehmen überhaupt sanierungsfähig - und wenn ja, wie?", sagt Andres.

Dazu müsse zunächst der Vermögensstatus des Landes geklärt werden: Wo liegen die Werte des Landes? Welche Branchen sind vielversprechend? Außerdem müssten die Griechen ausstehende Forderungen eintreiben und alle unnötigen Ausgaben streichen, um wieder handlungsfähig zu werden. "Einfach nur die Schulden abzuschneiden, bringt nichts", betont er. "Wenn es keinen Erfolg versprechenden Sanierungsplan gibt, werden nur wieder neue Schulden auflaufen und die Misere wiederholt sich."

Auch Ralf Moldenhauer, Restrukturierungsexperte der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, stellt fest, dass die Politik die Sanierung im klassischen Sinne falsch herum angegangen sei. "Im Sinne einer klassischen Unternehmenssanierung hätte der Schuldenschnitt eigentlich als letzter Schritt eines Sanierungsplanes kommen müssen", sagt er.

"Erst wenn ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell vorliegt und darauf aufbauend eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung entwickelt wird, kann man wirklich festlegen, wie groß der Schuldenschnitt sein muss." Die EU habe das Pferd gewissermaßen von hinten aufgezäumt. "Daher rührt auch die Verunsicherung an den Märkten. Es ist nur logisch, dass beim Schuldenschnitt später noch einmal nachjustiert werden muss, wenn klar ist, wie groß die künftige Ertragskraft der griechischen Wirtschaft tatsächlich sein wird."

Jetzt müsse Griechenland die Schritte nachholen, die eigentlich längst schon erfolgt sein müssten: Ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln, Zukunftsbranchen identifizieren, Verlustbringer restrukturieren, strukturelle und operative Anpassungen angehen. "Das Problem ist, dass alles schon viel zu lange dauert", sagt Moldenhauer.

In Krisen-Unternehmen gelte die Faustregel: Ein Change-Prozess darf nicht länger als drei Jahre dauern. Ein hartes Jahr mit schmerzhaften Einschnitten, eines zur Stabilisierung, und eines, in dem es aufwärts geht. "Sonst droht ein Restrukturierungs-Burnout bei allen Beteiligten, der Glaube an die Rettung geht verloren", erklärt Moldenhauer.

"Das sieht man jetzt auch in Griechenland. Die Griechen haben schon zwei sehr harte Jahre hinter sich. Es ist viel wertvolle Zeit verstrichen, weil klare, harte Schnitte zu lange herausgezögert wurden." Man hätte gleich zu Beginn der Krise entscheidende Maßnahmen wie etwa harte Einschnitte in den überbordenden Beamtenapparat angehen müssen.

"Das wäre besser gewesen, als nach und nach immer neue Entlassungswellen und Kürzungen anzukündigen." Der Restrukturierungsprozess dürfe jetzt nicht mehr länger als fünf Jahre dauern, sonst könnte es zu sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen kommen, oder das Land werde in Lethargie versinken, mahnt der Krisenberater.

Um Griechen und Geberländer zu motivieren, noch ein paar Jahre durchzuhalten, komme es vor allem auf die richtige Kommunikation an, sagt Matthias Michael, Experte für Krisenmanagement bei der Kommunikations-Agentur Engel & Zimmermann. "In Krisensituationen muss das Führungspersonal mehr kommunizieren, nicht weniger", sagt er.

"Regelmäßige Regierungserklärungen, bei denen Ministerpräsident Lucas Papademos im Fernsehen erläutert, was erreicht wurde und wie es weitergeht, wären sicherlich sinnvoll." Papademos - oder sein möglicher Nachfolger bei den Wahlen im Sommer - müsse eine kommunikative Gratwanderung durchhalten: "Er muss sowohl bei der EU als auch bei den griechischen Bürgern Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Landes wecken."

Um den negativen Berichten in griechischen und europäischen Zeitungen entgegenzuwirken, die auf der einen Seite faule Griechen und auf der anderen Seite arrogante EU-Regierungen beschreiben, müsse Papademos positivere Geschichten erzählen. "Er könnte fleißige, sympathische Griechen vorstellen, die am Wiederaufbau des Landes und für ihre Zukunft arbeiten", sagt Kommunikationsexperte Michael.

"Auf der anderen Seite könnte er betonen, wie wertvoll die Hilfe der EU für das Land ist, und gemeinsame Projekte vorstellen." Hohe Marketing-Ausgaben wären jetzt sicher das falsche Signal, sagt er. Aber das Augenmerk auf die Arbeit an der Zukunftsfähigkeit des Landes zu richten: Das wäre jetzt wichtig. In diesem Punkt sind sich die Consultants einig.

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