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01.09.2015

Industrie 4.0 - Einkauf hat noch Nachholbedarf

Einkauf und Industrie 4.0 – das liegt noch ziemlich weit auseinander. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man eine aktuelle Studie des österreichischen Einkäuferverbandes BMÖ aufmerksam liest. Zwar heißt es in der begleitenden Pressemitteilung vollmundig: „Der Einkauf hat klare Strategien für Industrie 4.0.“ Die Fakten stützen diese Behauptung aber nicht: Gerade einmal 24 Prozent der befragten Einkaufsmanager gaben an, dass in ihren Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie verfolgt wird. Und in diesen Firmen nimmt sich der Beitrag des Einkaufs zur Strategieentwicklung eher bescheiden aus.

Nur jede siebte Einkaufsabteilung ist bzw. war „intensiv“ in die Strategieentwicklung eingebunden, 57 Prozent antworteten, sie seien „teilweise“ involviert, und knapp 30 Prozent werden oder wurden gar nicht erst gefragt. „Der Einkauf hat hier noch einen deutlichen Nachholbedarf und steht vor einer großen Überzeugungsarbeit im Unternehmen, mehr und verstärkt aktiv eingebunden zu werden“, kommentieren die Studienautoren von der Beratungsgesellschaft Innovative Management Partner. In deutschen Unternehmen dürfte die Situation ähnlich sein, sagt Matthias Berg, Leiter der Sektion Beschaffung/ Personal & Karriere beim Einkäuferverband BME. Im operativen Einkauf sei Industrie 4.0 definitiv kein Thema, für den strategischen Einkauf und die Einkaufsleiterebene schon eher. „Dabei tun die Einkaufsabteilungen gut daran, sich rechtzeitig mit dem zu beschäftigen, was da auf sie zukommt“, mahnt Berg an. Viele Unternehmen hätten Probleme damit, zu definieren, was Industrie 4.0 eigentlich sei. Auch das Wissen im Einkauf ist offenbar noch ausbaufähig, wie die BMÖ-Studie zeigt.

„Digitalisierung erfordert Prozessdenken und IT-Affinität“

Zwar bezeichnen 37 Prozent der Befragten ihren Kenntnisstand als „ausgezeichnet“ oder „gut“; aber ebenfalls 37 Prozent halten sich gerade einmal für „genügend“ informiert und knapp 27 Prozent schätzen ihr Wissen sogar als „ungenügend“ ein. Dabei sind die Verbände überzeugt, dass die voranschreitende Digitalisierung ohne den Einkauf keinen Erfolg haben wird. „Industrie 4.0 richtet sich vor allem an den Einkauf und die Supply Chain. Wenn von digitaler Revolution die Rede ist, kreist die Debatte aber fast nur um die Produktion. Das ist ein Trugschluss“, kritisierte BME-Hauptgeschäftsführer Christoph Feldmann während der diesjährigen Hannover Industriemesse. Das Neue an Industrie 4.0 sei die digitale Supply- Chain-Steuerung über viele Unternehmen hinweg und diese werde erst durch die Erfahrung des Einkaufs möglich, so Feldmann. Ähnlich sieht es BMÖ-Vorstand Heinz Pechek: „Industrie 4.0 bedingt Einkauf 4.0.“ 

Anforderungen ohne digitale Lösungen kaum zu bewältigen

Industrie 4.0 ist vor allem für mittelständische Unternehmen noch kein Thema, mit dem sie sich intensiv auseinandersetzen müssten, sagt Dirk Schäfer. Aber bei den Firmen, die dies bereits tun, sei der Einkauf durchaus mit eingebunden, beobachtet der Geschäftsführer von Kerkhoff Consulting. Dies gelte allerdings weniger für Projekte mit Kunden als vielmehr für innerbetriebliche Lösungen. „Da ist der Einkauf sogar Treiber solcher Prozesse. Denn die Anforderungen an den Einkauf werden immer komplexer und sind ohne digitale Prozesse kaum mehr zu bewältigen”, erläutert Schäfer im Gespräch mit Einkäufer im Markt.

Den Trend zur Digitalisierung bewertet der Kerkhoff-Geschäftsführer uneingeschränkt positiv: „Dadurch wird der Einkauf beispielsweise in die Lage versetzt, früher als bisher von der Vertriebsplanung zu erfahren, zu wissen, an welchen Produktvarianten die Fertigung gerade arbeitet oder wie es um die Bestände bestellt ist.” Dass die IT-Technik in vielen kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht ausreicht, um 4.0-Projekte zu stemmen, hält Schäfer nur für ein vorübergehendes Problem: „Das ist eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. Investitionen in die IT rechnen sich, denn damit steigt auch die Lieferperformance und das Unternehmen kann seinen Kunden einen besseren Service anbieten. Im Endeffekt wirkt sich das positiv auf Ergebnis und Deckungsbeitrag aus.” Mittel zur Verbesserung der innerbetrieblichen Reputation.

Die Anforderungen an Einkäufer in der neuen 4.0-Welt werden sich verändern, ist Schäfer überzeugt. „Bis jetzt steht die Unterscheidung zwischen operativen und strategischen Aufgaben im Zentrum der Diskussion. Künftig werden von Einkäufern noch zwei weitere Fähigkeiten erwartet – das Denken in Prozessen und ITAffinität.” Diese Einschätzung teilen übrigens die vom BMÖ befragten Einkaufsleiter – drei Viertel sehen im „Einkauf 4.0” auch und vor allem ein Qualifizierungsthema. Mit anderen Worten, die Aus- und Weiterbildung der Einkäuferinnen und Einkäufer wird spätestens mit der Digitalisierung zur vordringlichen Aufgabe.

Sorgen vor möglichen Rationalisierungseffekten teilt Berater Schäfer nicht. Die Digitalisierung ermögliche es den Unternehmen vielmehr, komplexer werdende Prozesse mit gleicher Personalstärke zu bewältigen. Nicht zuletzt, gibt Schäfer zu bedenken, werde auch das Image der Einkaufsabteilung im Unternehmen von der Digitalisierung profitieren: „Dem Einkauf bietet sich die Chance, seine Reputation zu verbessern.”

Experten rechnen ohnehin damit, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis Referenzprojekte abgeschlossen sein werden. „Ich glaube, dass wir in fünf Jahren erste richtig gute Anwendungen sehen werden”, sagte beispielsweise der Fraunhofer- Forscher Sebastian Schlund im Februar dieses Jahres dem Fachmagazin Maschinenmarkt. Schlund definiert Industrie 4.0 zwar als „flächendeckende IT-Integration in die Produktion”, sieht aber auch Potenziale in der Steuerung der Wertschöpfungskette. Wenn es gelänge, die Verkehrsleitsysteme, die heute auf der Straße funktionierten, auf die gesamte Lieferkette zu übertragen, wäre es möglich, Bestände abzubauen, Puffer zu reduzieren und Arbeiten besser zu planen und zu organisieren, erläuterte Schlund.

Mark Krieger

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