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02.06.2012

Wenn geschenkte Fußballtickets zu teuer sind, um als harmlos durchzugehen

Anfüttern verboten: Teure Fußballtickets an Geschäftspartner verschenken, wird Sponsoren wie Eingeladenen zu heikel

 

Die Spieler des FC Bayern steuern Sportwagen mit den vier Ringen werbewirksam durch München, seit einem Jahr ist Audi gar mit zehn Prozent am Rekordmeister beteiligt. Vorstandschef Rupert Stadler ließ sich kürzlich vom Oldtimer-Grand Prix in Monaco zum Pokalfinale nach Berlin fliegen. Und in der Allianz-Arena in München unterhält das Unternehmen eine großzügige Lounge, in der regelmäßig Geschäftspartner zu Spielen geladen werden. Doch auf die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine blicken die Ingolstädter mit gemischten Gefühlen – und dies nicht aus Sorge um die Chancen der deutschen Kicker: „Diesen Sommer“, heißt es lapidar aus Ingolstadt, „laden wir zu keinem Fußballereignis ein.“


Die Angst, sich strafbar zu machen


Audi steht mit seiner vorsichtigen Haltung nicht allein: Wurden bis vor wenigen Jahren regelmäßig großzügige Einladungen zu Essen in Edel-Restaurants, Konzerten, Formel-1-Rennen oder eben Fußballspielen verteilt, ist von der einstigen Großzügigkeit kaum etwas übrig. Einladende und Eingeladene laufen Gefahr, sich der Untreue und Vorteilsannahme schuldig zu machen oder gegen unternehmensinterne Regeln zu verstoßen. „Unternehmen und ihre Kunden halten sich zunehmend zurück, Einladungen auszusprechen oder anzunehmen“, bestätigt Josef Stadtfeld, Geschäftsführer der Sponsorenvereinigung S20, zu der Coca-Cola, Siemens, die Allianz, die Telekom und McDonalds gehören: „Sie sind alle unsicher, wie man sich jetzt verhalten soll, weil beide Seiten im Risiko stehen und sich strafbar machen können.“ Sponsor Hyundai etwa fand im Frühjahr keine Abnehmer für EM-Tickets .


Gar nicht erst annehmen


Einkäufer sollten geschenkte Tickets von Lieferanten und anderen Geschäftspartnern für die Fußball-EM oder die Olympischen Spiele in London ablehnen. Sonst könnten sie sich der Vorteilsannahme strafbar machen, warnt der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). „Einladungen zu so begehrten Veranstaltungen, deren Karten nur sehr teuer oder nicht mehr zu haben sind, sollen ja gerade eine Vertrauensbasis zwischen Einladendem und Gast herstellen. Und dann liegt der Interessenskonflikt nah“, sagt Sebastian Schröder, Chefjurist beim BME.

Was früher niemanden gestört hat, ist heute ein heikles Thema: Seit sich der Ex-EnBW-Chef Utz Claassen vor dem Bundesgerichtshof verantworten musste, nachdem er sieben Spitzenpolitikern in Berlin und Stuttgart Tickets für die Fußballweltmeisterschaft 2006 geschickt hatte, sind die Unternehmen hellhörig geworden. Die Korruptionsfälle bei Siemens und Daimler dienen zumindest den Dax-Unternehmen als warnendes Beispiel. Und die Bestechungs-Affäre des Ex-Bundespräsident Christian Wulff schreckte die Letzten auf.

„Unbesorgt kann man niemanden in eine EM-Fußballloge einladen. Nicht mal einen Firmeninhaber, denn selbst wer anscheinend alleiniger Inhaber eines Familienunternehmens ist, kann ja tatsächlich nur ein Teil einer komplizierten Gesellschafterstruktur sein“, erklärt Tim Wybitul von der Anwaltskanzlei Hogan Lovells.“ Und man kann ja nicht bei jedem Unternehmen hinter die Kulissen schauen.

Jedenfalls: “Je mehr der Eingeladene selbst verdient, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass er sich wegen Peanuts einwickeln oder schmieren lässt“ skizziert der Jurist. Einen Vorstand kann man daher eher zu einem EM-Spiel einladen als einen Mitarbeiter – wenn es nicht gerade im Zusammenhang mit einem konkreten Auftrag geschieht, so Wybitul. “Doch selbst Vorstände winken heute meistens ab.”

Der LKW-Hersteller MAN ist nach einer Korruptionsaffäre nicht nur vorsichtig geworden, sondern auch öffentlichkeitsfreudig: Nachdem die Karten des Champions-League-Finales in München bei der Uefa 3650 Euro pro Karte kosten sollten, lud er weder Gäste noch Mitarbeiter auf einen seiner zwölf Logensitze ein.


Aus Unsicherheit verschwiegen – statt Transparenz zu demonstrieren

Die großen Sportsponsoren reagieren bereits: Zwar bleiben sie Sponsoren und unterstützen die Vereine weiter. “Aber etliche Firmen mieten in den Stadien keine Logen mehr, weil sie niemanden mehr sinnvollerweise dorthin einladen können. Auch wenn sie es nicht öffentlich kommunizieren”, berichtet Verbandsjurist Schröder. Auch Josef Stadtfeld, Geschäftsführer der Sponsorenvereinigung S20, deren Mitglieder die großen Sponsoren wie Coca-Cola, Bayer, Siemens, Allianz, Telekom oder McDonalds sind, beobachtet: “Die Unternehmen verschließen sich, sie sind alle unsicher, wie man sich jetzt verhalten soll.” Und weiter: “Die Sponsoren setzen Geld in den Sand, indem sie die Tickets ihrer Sponsoren-Kontingente nicht mehr abrufen. “Zumal stets beide Seiten im Risiko stehen und sich strafbar machen können: der Einladende wie der Eingeladene”, warnt Stadtfeld.

Außer den strafrechtlichen Vorschriften, laufen Angestellte großer Unternehmen Gefahr, gegen Firmenregeln zu verstoßen. Gerade die Großunternehmen haben in den vergangenen Jahren Compliance-Abteilungen aufgebaut und zuweilen sogar Compliance-Vorstandsposten geschaffen so wie Daimler für Christine Hohmann-Dennhardt. Bei einer der vier Großbanken befassen sich Hunderte von Mitarbeitern mit Compliance. Wird einer ihrer Banker eingeladen zu einem Firmen-Event, gucken die Compliance-Kollegen jeden Einzelfall dreimal an und stimmen sich obendrein noch mit der Rechtsabteilung ab.


Anfüttern verboten

Die Großunternehmen haben in den vergangenen Jahren meist rigide, firmeninterne Regeln aufgestellt – nach denen die Mitarbeiter auch keine teuren Fußballtickets annehmen dürfen. Die Bagatellgrenzen für Geschenke liegen meist bei 20 Euro, weiß Jurist Markgraf. “Bekommt aber jemand jede Woche von einem Unternehmen solch eine Gabe, heißt das Anfüttern und ist ebenso wenig erlaubt”, vergleicht der Düsseldorfer.


Die Mehrheit der Unternehmen hat für sich noch keine Compliance- Regeln aufgestellt

Erstaunlich viele Unternehmen haben keine solche Guidelines: 69 Prozent der Unternehmen mit weniger als 250 Millionen Euro Umsatz haben keinen firmeninternen Compliance-Kodex, erforschte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Unternehmensberatung Kerkhoff Consulting kürzlich. Über der Hälfte dieser Unternehmen scheuen den Aufwand. Zu teuer ist es vielen allemal. Die Folge beschreibt Gerd Kerkhoff, der Inhaber der Beratung: “Manager und Einkäufer wissen manchmal gar nicht, gegen welche rechtliche Regelung sie gerade verstoßen.”

Ein Ausweg, den manche Unternehmen aus dem derzeitigen Dilemma wählen, schildert Jochen Markgraf, Anwalt bei Glade Michel Wirtz in Düsseldorf: “Sponsoren geben die Tickets aus ihren Kontingenten Geschäftspartnern zum Selbstkostenpreis weiter – und auch der kann locker 1000 Euro je Karte ausmachen.” Bietet ein Unternehmen seinen Geschäftspartnern aber Tickets zum aufgedruckten Preis an, die gar nicht in den Handel kommen, könnte auch das riskant sein, schränkt Anwalt Wybitul ein. Manches Unternehmen wie die Werbeagentur Jung von Matt lädt wegen all dieser Unsicherheiten sicherheitshalber nur noch die eigenen Mitarbeiter in ihre Loge beim FC St. Pauli in Hamburg ein, beteuert man dort.

Ein völliges No-Go auf Einladungslisten für teure Fußball-Events sind jedenfalls Beamte. Und zu denen zählen manchmal auch Berufe, von denen man es spontan nicht gedacht hätte: Redakteure beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk etwa oder wer eine Leitungsfunktion in einem Versorgungswerk wie dem der Rechtsanwälte innehat. Beide Fälle wurden bereits vom Bundesgerichtshof für Strafsachen schon im Jahre 2009 entsprechend abgeurteilt.


Geheimnistuerei schadet nur

Wichtig ist für Unternehmen, Transparenz herzustellen, um sich gar nicht erst angreifbar zu machen. Die Gefahr: Selbst wenn sich ein Anfangsverdacht gegen einen Mitarbeiter später als unberechtigt erweist und vom Staatsanwalt fallen gelassen wird, ist es für das Unternehmen, das plötzlich als korrupt in der Presse erscheint, so oder so rufschädigend. Deshalb sollten die Einladungen sollten immer nur an die Dienstadresse verschickt werden. Wer eingeladen wird, sollte erst mal die Compliance-Abteilung fragen und sich alles genehmigen lassen. “Manche Unternehmen stellen sogar Zuwendungsverzeichnisse öffentlich ins Internet”, erzählt Wybitul. Der Pharmaproduzent Böhringer Ingelheim ist einer von ihnen, wenngleich natürlich keine Namen einzelner Gäste zu Events dort stehen, aber immerhin welche Organisationen wieviel gespendet bekommen.


Schmallippige Konzerne

Doch anders als sonst werden derzeit Unternehmen beim Thema Sponsoring – schmallippig. Die Commerzbank etwa informiert nur soviel: Als Namenssponsor der Commerzbank-Arena in Frankfurt und Premium-Partner des Deutschen Fußball-Bunds habe die Bank “entsprechende Ticketkontingente, die zur Einladung von Kunden und Geschäftspartnern genutzt werden”, wolle sich jedoch “zur detaillierten Nutzung der Tickets” nicht äußern. Bei der UEFA-Fußball-Europameisterschaft sei man jedenfalls kein Sponsor. Auch Daimler verweist nur auf seine “sehr strengen Compliance-Regelungen” und räumt lediglich ein, “Ticketkontingente den Fachbereichen mit direktem Kundenkontakt und Vetriebsorganisationen zur Verfügung zu stellen”. Diese würden anhand der Compliance-Richtlinien die Einzuladenden aus und “übernehmen die Versteuerung des geldwerten Vorteils”. Mehr habe man dem “nicht hinzuzufügen”.

Eine Ausnahme stellt Adidas dar. Der Sportartikelkonzern lädt weiterhin externe Gäste ein zu Fußballgroßereignissen, weil er eine Ausnahme unter den Sponsoren darstelle. Bei Adidas´ Business gehe es ja gerade um das Thema Sport. Und aus demselben Business seien auch die Gäste.

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