test
27.05.2011

„Wie vom Blitz getroffen“

Katastrophen wie nun in Japan oder auch die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise zeigen, dass die Liefersicherheit jederzeit gefährdet sein kann. Trotzdem verfügt erst ein Drittel der deutschen Unternehmen über ein Risikomanagementsystem im Einkauf. All about Sourcing sprach mit Einkaufsexperte Gerd Kerkhoff, Geschäftsführer von Kerkhoff Consulting, über mangelndes Risikobewusstsein deutscher Unternehmen.

Sourcing: Was bedeuten Katastrophen wie nun in Japan für deutsche Unternehmen?
Kerkhoff: Aufgrund der hohen Vernetzung der Weltwirtschaftskreisläufe und des Gewichts Deutschlands in diesem Netz wird die deutsche Wirtschaft stets von solchen Katastrophen betroffen sein. Wenn Sie Japan betrachten: Das Land liefert 40 Prozent der weltweit benötigten Technologiekomponenten. Japanische Zulieferteile finden sich in fast jedem Auto, darum leidet jetzt vor allem die Automobilindustrie unter Lieferengpässen. Ein weiteres Problem ist derzeit die Logistik: Viele große Häfen in Japan sind zerstört, auch bei der Luftfracht gibt es Einschränkungen. Selbst wenn Deutschland nicht direkt von Japan Waren bezieht, so finden sich doch japanische Bauteile in den Gütern, die wiederum aus anderen Ländern importiert werden.

Sourcing: Werden bei deutschen Unternehmen die Bänder still stehen?
Kerkhoff: Die finalen wirtschaftlichen Folgen in der Katastrophenregion sind noch immer nicht absehbar. Experten rechnen aber damit, dass der Wiederaufbau nicht vor dem dritten Quartal dieses Jahres beginnen wird. Die deutsche Wirtschaft wird also in jedem Fall betroffen sein. In einigen Fällen, nehmen Sie die Automobilindustrie, sind schon jetzt Auswirkungen zu spüren. Teils werden Engpässe erst in einigen Monaten sichtbar, da viele Produkte aus Japan lange Vorlaufzeiten haben.

Sourcing: Wie stark sind Unternehmen schon heute gegen solche Risiken abgesichert?
Kerkhoff: Eine ähnliche Situation mit anderem Ursprung gab es bereits in der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Frage, die sich Unternehmen hier stellen mussten: Wie gehe ich mit plötzlichen Lieferanteninsolvenzen um? Viele waren darauf nicht vorbereitet, wirkten wie vom Blitz getroffen. Aufgrund dieser Erfahrungen war meine Einschätzung, dass Risikomanagement heute bereits professionell gelebt wird. Leider hatte ich damit Unrecht. Eine aktuelle Befragung, die wir gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt haben zeigt:  Zwei Drittel der deutschen Unternehmen verfügen heute noch immer über kein Risikomanagementsystem im Einkauf – bei Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern sind es sogar knapp 85 Prozent.

Sourcing: Was können Unternehmen tun, die jetzt von Lieferengpässen betroffen sind?
Kerkhoff: Die Unternehmen müssen sich weltweit sehr schnell nach Alternativlieferanten umsehen. Das Problem: Unternehmen, die kein Risikomanagementsystem haben, kennen häufig keine adäquaten Alternativlieferanten und können damit nicht sofort handeln. Diejenigen, die nun Ersatz finden müssen, sind gezwungen viele Ressourcen in eine schnelle Suche zu investieren. Ressourcen, die sie häufig gar nicht haben – denn auch das operative Tagesgeschäft muss weiter geführt werden. In solchen Situationen kommen unsere Berater häufig ins Spiel.

Sourcing: Und was macht das Unternehmen, wenn es keine Alternativlieferanten gibt?
Kerkhoff: Ersatzlieferanten lassen sich grundsätzlich für jedes Produkt finden.

Sourcing: Macht sich auch in Ihrem Unternehmen die Krisensituation in Japan bemerkbar?

Kerkhoff: Wir erledigen für einige Kunden derzeit Feuerwehraufträge, bei denen es darum geht, kurzfristig Alternativlieferanten zu finden. Kunden fragen zudem vermehrt den Aufbau langfristig angelegter Risikomanagementsysteme nach, damit sie zukünftig flexibler reagieren können.

Sourcing: Auch unabhängig von Katastrophen werden Beschaffungsmärkte zunehmend volatiler? Wie können sich Unternehmen darauf vorbereiten?
Kerkhoff: Unternehmen müssen genau analysieren: Welche Bedrohungen können auf meine Lieferkette zukommen? Naturkatastrophen, Währungskrisen, politische Instabilitäten oder die Abnahme der Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen sind nur einige Überlegungen, die es hier einzubeziehen gilt. Hat ein Unternehmen die Bedrohungsszenarien erstellt, gilt es im Anschluss hierfür Lösungen zu entwickeln. Liegt der Plan für den Eintritt eines Krisenszenarios in der Schublade, ist im Fall des Kriseneintritts schneller zu reagieren.

Sourcing: Wie kann eine solche Lösung aussehen?
Kerkhoff: Es reicht grundsätzlich nicht aus, sich auf einen einzigen Lieferanten zu verlassen. Neben den oben erwähnten Risiken beobachten wir zum Beispiel Oligopolbildungen von Lieferanten in Branchen wie Maschinenbau und Lebensmittel. Das bedeutet: Es wird künftig weniger Lieferanten geben. Darum müssen Unternehmen heute frühzeitig Verbindung zu den künftig wichtigsten Spielern aufnehmen und mit ihnen Einzelkontrakte abschließen. Ein solches Multi-Sourcing wird künftig essenziell sein und steht nicht im Widerspruch mit engeren Lieferantenbeziehungen. Aufgrund der gestiegenen Komplexität wird die Bedeutung der Einkaufsabteilung in Unternehmen damit noch weiter zunehmen.

Impressum & Datenschutz – Kerkhoff Voice & Data GmbH – +49 211 6218061-0 – Elisabethstr. 5 – 40217 Düsseldorf